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23.05.2017

Amsterdam ist international bekannt dafür, dass Cannabis-Verkauf dort nicht staatlich verfolgt, sondern reguliert wird. Eine Freiheit, die mit Vor- und Nachteilen verbunden ist. Einblicke eines Studenten in die Coffeeshops der europäischen Hauptstadt der Drogen.

Von Noah Schöppl

 

Es ist immer dasselbe. Als ich einem meiner alten Lehrer neulich begegnete und ihm erzählte, dass ich seit letztem Jahr in Amsterdam studiere, kam wieder die augenzwinkernde Reaktion: „Na klar, du ‚studierst‘ in Amsterdam. Hab nicht zu viel Spaß da!“ Diese Reaktion kenne ich nur zu gut. Anscheinend haben die meisten Deutschen mit dieser Stadt nur eine Assoziation: Drogen.

Dabei ist Amsterdam so viel mehr. Amsterdam ist eine erfolgreiche Weltstadt, der Menschen aus über 180 Nationalitäten ihren kosmopolitischen Flair verleihen und deren wunderschöner Altstadtkern von den berühmten Grachten durchzogen wird. Amsterdam ist eines der wichtigsten Wirtschaftszentren Europas, das über exzellente Universitäten verfügt. Doch für die meisten ist Amsterdam nur die internationale Hauptstadt der Kiffer: Jedes Jahr kommen über fünf Millionen Touristen in die Stadt, die gerade mal gut eine Million Einwohner hat. Eine Studie zeigt, dass fast 2 Millionen Touristen auch die Coffeeshops besuchen.[1] Die lokal Ansässigen selbst konsumieren indes weniger Drogen: Nur einer von vier Holländern hat Cannabis oder härtere Drogen überhaupt schon mal ausprobiert.[2]

 

Mehr Drogen, weniger Kriminalität?

Obwohl Cannabis in Deutschland illegal und in den Niederlanden zumindest geduldet ist, sind die Unterschiede in der Nutzung nicht sehr gravierend: Zwar haben in den Niederlanden etwas mehr Jugendliche schon mal Cannabis konsumiert (28 Prozent) als in Deutschland (24 Prozent), aber das sind immer noch weniger als beispielsweise in Frankreich (35 Prozent). Außerdem greifen deutsche Jugendliche häufiger als niederländische Jugendliche zu Alkohol.[3] Was sich allerdings grundlegend unterscheidet, sind die Kriminalstatistiken: Während in Deutschland jedes Jahr statistisch einer von 400 Bürgern wegen Drogenverstößen angezeigt wird, ist es in den Niederlanden nur einer von 2300.[4]

Auch wenn die Produktion sich weiterhin in einer rechtlichen Grauzone befindet, wird seit 1976 in den Niederlanden das formell noch geltende Drogenrecht für den Besitz kleiner Mengen Cannabis nicht mehr durchgesetzt. Die Drogennutzung ist seitdem in den Niederlanden, ebenso wie generell der europäische Trend, leicht gestiegen. Die durch Drogen verursachten Todesfälle hingegen wurden weniger. In Schweden, wo Drogenbesitz weiterhin hart bestraft wird, sterben proportional zur Bevölkerung sechsmal mehr Menschen an Drogenkonsum als in den Niederlanden.[5]

 

Der Geruch von Hanf in den Straßen

Gerade in Amsterdam ist Cannabis auch im öffentlichen Straßenbild sehr präsent. Auf 3000 Einwohner kommt in Amsterdam ein Coffeeshop (das ist etwas häufiger als eine Apotheke in Deutschland zu finden ist[6]) - im Rest des Landes sind Coffeeshops etwa zehnmal so selten.[7] Wenn man mit dem Fahrrad - dem wichtigsten holländischen Fortbewegungsmittel - durch Amsterdam fährt, riecht man aus den Coffeeshops das Cannabis. Aber auch die Coffeeshops sind so unterschiedlich wie die Stadt selbst: Es gibt schmuddelige, verschiedener alternativer Szenen, es gibt aber auch teure Coffeeshops, in denen der Türsteher einen feinen Anzug trägt. Fest steht: Auch wenn der Verkauf von Cannabis in Coffeeshops geduldet wird, ist er stark reguliert und die Anzahl der Coffeshops ist in den letzten 20 Jahren stark gesunken. Die Branche mit über 3000 Beschäftigten und über 300 Millionen Euro Umsatz im Jahr, muss fünf etablierte und von der Polizei überprüfte Grundregeln einhalten:

  • kein Verkauf über 5 Gramm pro Person an einem Tag
  • keine anderen Drogen als Cannabis dürfen verkauft werden (auch kein Alkohol)
  • keine Werbung für Drogen
  • der Verkauf darf nicht zur Belästigung von Nachbarn führen
  • Minderjährige haben keinen Zutritt zu Coffeeshops

Wenn Coffeeshop-Betreiber sich nicht an die Regeln halten, wird ihr Laden geschlossen und ihnen der Prozess gemacht.[8]

Auch wenn weiterhin diskutiert wird, wie Drogen reguliert werden sollen, genießen Coffeeshops in den Niederlanden breite Akzeptanz. Das ist auch Teil der generellen liberalen Grundhaltung der niederländischen Gesellschaft. Auch in vielen anderen Themen wie Prostitution oder Sterbehilfe gibt der niederländische Staat traditionell seinen Bürgern viel Freiheit. Daher wird über Drogen informiert, anstatt sie generell zu verteufeln. Es gibt viele offene Informationsstellen, wie beispielsweise das Cannabis College mit dem doppeldeutigen Motto „for your ‚higher‘ education“.[9] In Party-Clubs werden Warnungen gegen gefährliche K.O.-Drogen ausgehängt, die derzeit im Umlauf sind. Die Niederlande setzen viel auf Prävention, aber auch auf Behandlung Abhängiger. Anstatt von Drogen regiert zu werden, versucht Holland sie unter Kontrolle zu kriegen und zu regulieren.

 

Keine Drogen, kein Problem?

Doch auch wenn sich viel um verantwortlichen Konsum und Minimierung gesundheitlicher Risiken bemüht wird, lassen sich gewisse Schattenseiten nicht vermeiden. Wenn man sich mit Studenten aus höheren Semestern unterhält ist der erste und wichtigste Rat: „Nimm’ nicht zu viel Drogen. Das ist das einzige, was dich stoppen kann.“ Auch in den Niederlanden scheitern nach wie vor die Biographien zu vieler Menschen an Drogen.

Auch wenn ein Coffeeshop direkt am Campus ist, kriegt man von alledem im Studienalltag reichlich wenig mit. Für die allermeisten Studenten sind Drogen auch in Amsterdam nicht im Zentrum des Studentenlebens. Wie gehe ich persönlich mit der großen Verfügbarkeit und Auswahl an Drogen um? Ich habe hier noch keinen Joint geraucht oder härtere Drogen genommen. Außerdem trinke ich seitdem ich hier bin keinen Alkohol mehr - etwas das in meiner bayerischen Heimat sozial vollkommen inakzeptabel gewesen wäre. In Amsterdam darf eben wirklich jeder so leben, wie er will.



[2] Chatwin, C. (2016). Mixed Messages from Europe on Drug Policy Reform: The Cases of Sweden and the Netherlands. The Brookings Institution, S. 5

[3] MacCoun, R. J. (2011). What can we learn from the Dutch cannabis coffeeshop system? Addiction, S. 3.

[5] Chatwin, C. (2016). Mixed Messages from Europe on Drug Policy Reform: The Cases of Sweden and the Netherlands. The Brookings Institution, S. 4-6

[7] MacCoun, R. J. (2011). What can we learn from the Dutch cannabis coffeeshop system? Addiction, S. 1-2.

[8] MacCoun, R. J. (2011). What can we learn from the Dutch cannabis coffeeshop system? Addiction, S.1-2.

 

 

 


Foto (Blog): neshom / pixabay (CC0)

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