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02.05.2017

Dass auch britische Bibliotheken auf die Nerven gehen können, hat Julia schnell festgestellt. Denn statt auf Tanzflächen hat sie ihr Erasmus-Semester hauptsächlich in der Bibliothek verbracht. Immerhin war die Aussicht schön.

Von Julia Weise

Letztes Semester verbrachte ich vier Monate in der Bibliothek mit der schönsten Aussicht. Sie liegt auf einem Hügel direkt am Meer. Jeden Tag konnte ich Möwen beobachten und wunderschöne Sonnenuntergänge bestaunen – bis mir die 25 Essays einfielen, die ich noch schreiben musste. Versteht mich nicht falsch: Mein Auslandssemester war großartig, aber entgegen vieler Erasmus-Berichte habe ich mehr studiert als gefeiert.

Zugegeben, ich habe auch nicht gerade in Südspanien studiert, sondern in Wales – die Gefahr zu viele Tage am Strand zu liegen, war also recht gering. Außerdem bin ich im Master-Studium und wollte nicht ins Ausland, nur um mal woanders gelebt zu haben. Das International Politics Institut der Aberystwyth University rühmt sich das erste in der Welt zu sein und auch akademisch möchte es zu den Besten gehören. Weil auch die Lehre gut sein soll und dort einige Wissenschaftlerinnen arbeiteten, die ich schon aus anderen Seminaren kannte, bewarb ich mich in Aberystwyth.

Ihren guten Ruf will die Uni natürlich behalten und deshalb bekam ich gleich in der ersten Woche zu hören: „Unsere Mitarbeiterinnen erbringen super Forschungsleistungen und das soll auch für unsere Master-Studierenden gelten“. Leistungsdruck? Kenne ich.

Immer in der ersten Reihe

Im Gegensatz zu deutschen Unis gibt es in Großbritannien nach dem Wintersemester keine Semesterferien. Bachelor-Studierende haben im Januar eine Klausurphase. Weil wir im Master aber keine Klausuren mehr schreiben, lagen alle Abgaben im Semester. Das ist einerseits sehr praktisch: Durch den Termindruck ist ans Aufschieben gar nicht zu denken. Andererseits entsteht durch kurze Zeiten zwischen den Abgaben unnötiger Stress.  Wie die regulären Studierenden habe ich drei Kurse belegt. Sechs Stunden Uni pro Woche, dachte ich – da könnte ich mich mal nach ein paar Hobbies umschauen. Davon gibt es in Aberystwyth reichlich: An der Uni versammeln sich Menschen mit den unterschiedlichsten Interessen und gründen sogenannte societies. Auf dem Campus trifft man die üblichen Sportmannschaften, aber auch Menschen in Kostümen und mit Schwertern und Menschen, die Bierkästen transportieren. Letztere gehören zur neuen Beerpong society. Am Ende schlurfte ich zwei Mal die Woche ins Fitnessstudio. Regelmäßige Schwertkämpfe passten nicht in meinen Terminplan.

Das war auch gar nicht schlimm, denn die Kurse waren spannend genug. Ich saß nie mit mehr als zehn Leuten in einem Kurs. Bei so wenigen Leuten kann man allerdings nicht in der letzten Reihe schlafen. Es gibt nämlich nur die erste Reihe. Aber wer will das schon. Schließlich wird hier das Verhältnis von westlicher Moderne und dem Islam analysiert oder herausgefunden, wie Vertrauen zwischen Staaten hergestellt werden kann. Die Dozierenden spricht man mit dem Vornamen an. Das ist zuerst ungewohnt, schafft aber eine angenehme Atmosphäre zum Diskutieren.

Akademisches Freizeitprogramm inklusive

Der Master-Kurs ist recht klein und deswegen wurden wir gut am Institut integriert. Fast jede Woche gab es einen Gastvortrag oder eine Podiumsdiskussion. Als Donald Trump gewählt wurde, fand sogar eine Art Wahlparty statt, natürlich mit vorheriger Erläuterung des US-amerikanischen Wahlsystems. Als ich an diesem Tag nachts um halb zwölf auf dem Boden des Instituts saß und dem Vortrag lauschte, merkte ich: das ist zu viel. Nach einem ganzen Tag in der Bibliothek war mein Gehirn nicht mehr aufnahmebereit. Außerdem hatte ich naiv gedacht, dass die Wahl schon gut ausgehen würde.

Es ist schön, dass an der Uni so viel Wissen geboten wird, aber irgendwann möchte ich auch einmal abschalten. Pro Seminar musste ich jede Woche rund 100 Seiten wissenschaftliche Texte lesen. Dazu kam die Recherche für die Essays. In manchen Wochen quälte ich mich so durch 500 Seiten Text. Durch die Dauerbeschäftigung an der Uni bleib kaum Zeit für anderes. Eigentlich wollte ich nebenher etwas arbeiten und mich außerdem für Praktika bewerben. Das hole ich jetzt alles in meinen Semesterferien nach.

Immerhin hatte ich nicht als einzige so viel zu tun. Ich habe den Eindruck, dass alle in meinem Jahrgang sehr ehrgeizig sind. Das ist in gewisser Weise verständlich: Der einjährige Master kostet mehrere tausend Pfund. Für so viel Geld möchte man auch einen guten Abschluss. Viele wollen nach dem Master außerdem promovieren und schreiben nebenbei noch Bewerbungen für Stipendien. In solch einer Umgebung fühlt es sich schnell normal an die meiste Zeit des Tages mit Dingen für die Uni zu verbringen.

Trotz der hohen Arbeitsbelastung war das Studium in Aberystwyth deshalb eine großartige Erfahrung. Ich habe nie so detailliertes Feedback für meine Essays bekommen. Und dank der kleinen Seminargruppen habe ich tolle Diskussionen geführt. Andererseits bin ich froh, dass mein deutscher Master zwei Jahre geht und damit doppelt so lang ist wie in Großbritannien. So bleibt mehr Zeit sich in das Studienfach einzuarbeiten und nebenbei zu arbeiten oder sich ehrenamtlich zu engagieren. Was nützt es schon einen Abschluss in zwölf Monaten zu bekommen, wenn man keine Zeit hat zu reflektieren, was man damit anfangen möchte?

Im zweiten Teil berichtet Julia darüber, wie sie sich vom Lernstress erholt hat….

 


Foto (Blog): Roman Grac/ pixabay (CC0)

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