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14.11.2016

Angst, Wut, Machtlosigkeit: Negative Gefühle können ständige Begleiter bei mündlichen Prüfungen sein – wenn nicht klar ist, was die Prüfer*innen erwarten. Zu spät für Anna-Lena*, doch im Nachgang will sie nachvollziehen, wieso ihre Prüfung so schiefgegangen ist.

von Gustav Beyer

Ein verächtlicher Blick, kein Gruß, eine knallende Tür. Mehr hatte die 23-jährige Studentin an diesem Morgen nicht für ihre Prüferin übrig. Gerade hat sie eine 2,6 kassiert. Eigentlich okay, oder? Doch den Abzug gab’s für ihre Nervosität. Ist das gerecht? Ein E-Mail-Schlagabtausch zwischen ihr und der Modulverantwortlichen.

Liebe Frau Prof. Müller*,

ich möchte Ihnen ein konstruktives Feedback zur mündlichen Prüfung gestern geben. (…) Vor der Prüfung habe ich kaum geschlafen. Auf dem Weg zur Fakultät war ich unkonzentriert und nervös. In dieser Situation fand ich es ausgesprochen unangemessen, vor der Prüfung vom Protokollanten mit "Hallo, du Opfer!" begrüßt zu werden. Vielleicht erinnern Sie sich selbst an Ihre eigenen Prüfungen und können nachvollziehen, dass Sie sich als Geprüfte ohnehin machtlos und ausgeliefert fühlen – wozu dann diese Machtdemonstration? Sollten sich nicht Lehrende und Lernende auf einer Augenhöhe begegnen können? Für mein Herzrasen sind Sie nicht verantwortlich, aber Sie hätten gern für einen entspannteren Einstieg in das Prüfungsgespräch sorgen können.

Zur gegenseitigen Wertschätzung gehört für mich auch, dass Sie den Studierenden in einer mündlichen Prüfungssituation kurz Zeit geben, sich zu sammeln. Ich habe mich in der Prüfung gehetzt gefühlt. Noch während ich mich auf die Antwort vorbereitete, fuhren Sie bereits mit der nächsten Frage fort. Wie soll ich, wenn ich mich so unter Druck gesetzt fühle, nicht nervös werden?

Das größte Problem: die Bewertung. Nervosität ist eine Gemütsverfassung in Anspannungssituationen. Manche Menschen sind innerlich nervös und zeigen das nicht, andere Menschen - wie ich - können ihre Nervosität nicht unterdrücken. Nervosität zeigt einem anderen Menschen auch, dass diesem Menschen die Sache gerade etwas angeht. Das ist doch eigentlich positiv, oder? Wie kann es dann sein, dass die Bewertung ausschließlich mit der sozialen Bezugsnorm "Sie waren eben nervöser" (als Ihre Mitstudierenden) begründet wurde?

Ich bitte Sie, zu den vorangegangenen Punkten umgehend Stellung zu nehmen.

Freundliche Grüße,

Anna-Lena N.

Ein Tag vergeht. Anna-Lena sieht die Minuten vor und während der Prüfung noch genau vor sich. Wie sie ihrem Körper sagen wollte: Hey, beruhige dich, es wird schon nicht so schlimm. Und wie der Körper geantwortet hat: Schlimm? Habe ich gerade „schlimm“ gehört? Zeigst du Schwäche, wirst du schlechter benotet? Was für ein Stress. „Ich habe morgens versucht, alles so alltäglich aussehen zu lassen, wie es ging“, sagt Anna-Lena. „Ich habe mir einen Tee gekocht, Müsli gegessen, mich irgendwie abgelenkt. Psychisch ging das dann irgendwie. Aber mein Körper hat einfach nicht lockergelassen. Jetzt denke ich: Man muss das einfach akzeptieren. Je häufiger ich mir gesagt habe: Oh mein Gott, keine Panik, umso panischer wurde ich. Das war wie eine Spirale, die vielleicht zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung geführt hat: Ich hatte so eine Katastrophe ja schon erwartet und bin vom Schlimmsten ausgegangen.“

Anna-Lena rechnet damit, dass die Modulverantwortliche sie versteht. Sie wird bestimmt um Verzeihung bitten. Ein kurzes „Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten“, mehr will Anna-Lena gar nicht. Wichtig ist, dass sie ihren Frust losgeworden ist – in Form von konstruktivem Feedback. Damit ist die Sache fast abgeschlossen. Dann, tatsächlich, die Antwort:

Sehr geehrte Frau N.,

schade, dass aus Ihrer Sicht bei den Modulabschluss-Prüfungen in der letzten Woche etwas nicht gut gelaufen ist. Jede*r Prüfer*in darf entscheiden, was und wie abgeprüft werden soll. (…) Ich bin mir sicher, dass sich im nächsten Durchgang 370 Studierenden gerecht behandelt fühlen, nicht bloß 369 – danke also, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen für Ihre Zukunft.

Prof. Müller

Anna-Lena muss diese E-Mail mehrmals lesen. Sie soll die einzige unzufriedene Studentin gewesen sein? So ein Humbug – am Tag der Prüfung, berichtet sie, habe sie mehrere Menschen weinend auf dem Flur der Fakultät gesehen. Die E-Mail ihrer Professorin hält sie für einen schlechten Witz.

Mit ein paar Studierenden hat sie die Prüfung ein paar Tage vorher extra durchgespielt. „Das hat mich schon etwas runtergebracht. Eine Freundin hat mich beim Proben richtig streng angeschaut und fiese Fragen gestellt. Danach habe ich gedacht: Gut, das lief zwar nicht so pralle, aber ich gehe entspannter in die Prüfung. Pustekuchen! Ich hatte einfach zu viel Zeit, mir doch wieder zu viele Sorgen zu machen. Nächstes Mal lenke ich mich mehr ab und simuliere den Ablauf vielleicht zwei Tage vorher.“

Anna-Lena fühlt sich alleingelassen, sagt sie. Hat ihre Modulverantwortliche gar kein Verständnis für sie? Anna-Lena schreibt zurück:

Sehr geehrte Frau Prof. Müller,

vielen Dank für ihre Antwort. Leider sind Sie nicht auf die Punkte meines Feedbacks eingegangen, sondern haben ganz andere Aspekte beleuchtet. Zum Beispiel bin ich ganz Ihrer Meinung und das war nicht Inhalt meiner vorangegangenen Mail, dass die Prüfer*innen entscheiden dürfen, was sie prüfen wollen. Mir ging es um die Methodik. (…) Da ich jetzt nicht noch einmal alle Punkte einzeln aufgliedern möchte, bitte ich Sie einfach Ihre Stellungnahme noch einmal neu zu formulieren.

Außerdem möchte ich hiermit eine Einsicht in das Prüfungsprotokoll beantragen, um danach entscheiden zu können, ob ich die Bewertung meiner Prüfungsleistung anfechte.

Freundliche Grüße,

Anna-Lena N.

Im Gespräch erzählt Anna-Lena von ihrem Entschluss, falls so etwas noch einmal passiert: Sie möchte sich direkt zur Wehr setzen. Sagen, was sie stört. Schon in der Prüfung. „Hätte ich die Modulverantwortliche noch während der Prüfung benachrichtigt, hätten wir den Konflikt unter Zeugen klären können. Ich hätte auch schauen können, ob laut Prüfungsordnung andere Studierende oder Mitglieder des Prüfungsausschusses dabei sein dürften.“ Es könne nicht sein, dass sie schlechter benotet wird, weil sie einen roten Hals bekommt oder die richtigen Antworten mit zittriger Stimme vorträgt. Die Antwort von Frau Müller interessiert sie kaum noch.

Sehr geehrte Frau N.,

ich halte an meinen vorherigen Aussagen fest. (…) Wir können immer nur das bewerten, was wir sehen. Und wir haben auch Ihre Aufregung gesehen. Wenn die Aufregung so groß ist, dass Sie sie zeigen, holen Sie sich Tipps, wie Sie Ihre Aufregung in Zukunft nicht mehr zeigen müssen. (…) Ihre Note bleibt so, wie sie ist. (…) Wenn Sie tatsächlich rechtliche Schritte einleiten möchten, wenden Sie sich damit aber nicht an mich.

Mit freundlichen Grüßen,

Prof. Müller

Anna-Lena hat im nächsten Semester noch eine Prüfung bei der Modulverantwortlichen. Sie sieht zwei Möglichkeiten: Einerseits will sie an ihrer Performanz arbeiten. Die Prüfung vorher wieder durchspielen, sich nicht von irrelevanten Aussagen irritieren lassen. Von einer Freundin hat sie den Tipp bekommen, über Atmung im Körper für Ruhe zu sorgen. Dass beseitigt nicht das Problem – aber es soll ihr helfen, damit umzugehen. YouTube-Videos gibt es dazu genug. Auch die kostenlose Troubleshooter Online-Beratung kann bei Stress und Prüfungsangst helfen.

Außerdem wird sie, wenn sie merkt, dass wieder etwas aus dem Ruder läuft, ein Gedächtnisprotokoll anfertigen und sich damit an den Fachschaftsrat wenden. Das ist dann quasi der formale Aspekt. „Nichts desto trotz kann es immer passieren, dass man an willkürliche Prüfer*innen gerät. Das ist einfach so. Jetzt hilft mir der Gedanke, dass ich das Verhalten der Prüfer*innen einfach daneben finde, aber mit mir selbst und auch mit meinen Antworten absolut zufrieden sein kann.“

Professorin Müller wollte sich auf Anfrage des Autors nicht zu Erwartungen an Studierende äußern und bat um eine Anonymisierung ihrer E-Mails.

 


*Alle Namen geändert.

Anm.: Die Namen sind dem Autoren bekannt. Die originalen E-Mails liegen dem Autor vor. Der Autor sich hat mittels Befragungen und Gedächtnisprotokolle weiterer Anwesenden die Richtigkeit der o.g. Angaben, insb. der Äußerungen des Protokollanten, bestätigen lassen. Die E-Mails von Anna-Lena entsprechen dem originalen Wortlaut. Im Rahmen der Anonymisierung wurde der Wortlaut in Prof. Müllers E-Mails sinngemäß geändert, sodass keine Zuordnung zu ihrer Person mehr stattfinden kann.


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Foto (Blog): PDPics / pixabay (CC0)

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