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30.01.2017

Was wir aus dem chinesischen Bildungssystem über die Folgen von überhöhtem Leistungsdruck und das falsche Versprechen der sogenannten Smart Drugs lernen können.

von Noah Schöppl

„Meinen Eltern war immer sehr wichtig, dass ich gut in der Schule bin und viel lerne. So haben sie mich auch an die Elite-Universität Stanford gebracht — das war ihr Verdienst. Aber das Problem mit so einer Erziehung ist, dass man viele soziale Lebenserfahrungen verpasst, die auch wichtig für den späteren Beruf und das Privatleben sind. Das musste ich nachholen“, erzählt Lenora Chu, die als Tochter chinesischer Eltern in den USA aufwuchs, heute als Journalistin in Shanghai arbeitet und ein Buch über das chinesische Bildungssystem schreibt. So wie ihr geht es vielen jungen Chinesen. Studien aus Shanghai und Peking zeigen, dass chinesische Studenten, insbesondere männliche, unter sehr hohem Stress leiden. Am höchsten ist das Stresslevel bei Studenten in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern.

Junge Generation unter Druck?

In China ist fast alles anders als in Europa — auch das Bildungssystem: So gilt in China die Schule als stressiger als das Studium. Wenn man dann mal auf der Uni ist, wird es ein wenig freier, aber auch da wird es gegen Ende des Semesters regelmäßig sehr anstrengend. Generell meint die Journalistin Chu: „Im chinesischen Bildungssystem hat man nicht so viel Freiheit zu lernen, was man will und im Vergleich zu vielen Westlichen Ländern, ist Bildung ein viel wichtigerer Faktor in der Erziehung. Das Top-Thema unter Eltern ist wie man seinen Kindern die beste Bildung zukommen lassen kann. Chinesische Eltern geben sehr viel für Schulbildung und Sonderkurse ihrer Kinder aus.“

Ein junger Mensch hat in China eine starke Verpflichtung gegenüber seiner Familie und seinen Eltern. Die gesellschaftliche Norm, den Eltern in allem zu gehorchen ist stärker verankert als in Europa und es wird erwartet, dass die Kinder die Eltern im Alter pflegen und versorgen. Lenora Chu erklärt daher das chinesische Phänomen des extremen Leistungsdrucks so: „Ein Kind an die Uni zu schicken ist der Traum jeder Familie in China. Aus benachteiligten, ländlichen Familien schaffen das nur wenige. Viele bekommen nicht einmal einen Schulabschluss.

Von den Schülern, die die Schule abgeschlossen haben, scheitern außerdem drei von vier an dem Aufnahmeprüfung zur Universität.“ In den letzten Jahrzehnten hat die Wichtigkeit von höherer Bildung für eine erfolgreiche Karriere enorm zugenommen — und damit der Druck auf die junge Generation.

Was macht der Leistungsdruck mit jungen Chinesen?

Im chinesischen Bildungssystem ist diese Uni-Aufnahmeprüfung, die sogenannte „Gao Kao“, der fast alles entscheidende Punkt in der Karriere eines jungen Menschen. Generell kommt es in China nicht so sehr auf die fortlaufenden Leistungen, sondern auf die große Examen an, die für die Zukunft der jungen Menschen entscheidend sind.

Durch den enormen Leistungsdruck von Eltern und Lehrern entsteht auch ein starker Wettbewerb. Zwei Drittel der Chinesen sind sich einig, dass zu viel akademischer Leistungsdruck auf jungen Menschen lastet — in allen anderen Ländern der Welt, ist die Mehrheit vom Gegenteil überzeugt. Dies bleibt nicht folgenlos.

China gilt als größter Markt für sogenannte „Smart Drugs“, also Substanzen, die angeblich die mentale Leistungsfähigkeit und Konzentrationsfähigkeit steigern. Dazu gehören traditionelle Kräuter wie „ginseng“, „ginkgo biloba“ und „gotu kola“, aber auch synthetische Drogen wie Modafinil, das eigentlich als Stimulanzmittel gegen die sogenannte „Schlafkrankheit“ Narkolepsie entwickelt wurde. Der Aufstieg von Smart Drugs ist besonders alarmierend, da insbesondere junge Menschen — Studenten und Schüler — von dem Phänomen betroffen sind.

Können Drogen schlauer machen?

Dabei ist die positive mentale Wirkung der Smart Drugs in den allermeisten Fällen kleiner als angepriesen. In Amerika, wo etwa eine Million junge Menschen Smart Drugs nutzen, zeigt eine zunehmende Zahl an Studien, dass viele Substanzen, denen intelligenzverbessernde Eigenschaften zugeschrieben wurden, keinen Effekt auf Noten haben. Fest steht nur: Je mehr junge Menschen Smart Drugs benutzen, desto häufiger haben ihre Altersgenossen das Gefühl Smart Drugs verwenden zu müssen, um mitzuhalten.

Amerikanische Studien zeigen auch, warum dieser Trend besorgniserregend sein sollte. Denn die kurzfristige Schärfung der Sinne, hat auch ihren Preis: Smart Drugs senken langfristig die Koordinationsfähigkeit, sowie die Fähigkeit im Voraus zu planen und führen außerdem zu erhöhtem Herzschlag und Blutdruck. Zu weiteren unvorhergesehenen Effekten kann es kommen, wenn die Wirkstoffe mit anderen Medikamenten die man einnimmt in Wechselwirkung treten. Zudem besteht bei vielen Substanzen stets die Gefahr ein Suchtverhalten zu entwickeln.

Smarte Drogen? Blöde Folgen!

Diese negativen Nebenwirkungen, die oft erst langfristig sichtbar werden, werden den jungen Konsumenten beim Einkauf meist verschwiegen. Besonders wenn die Substanzen über das Internet gekauft werden. Das Problembewusstsein auf Seiten der chinesischen Regierung ist allerdings nicht sehr groß, wie Lenora Chu erklärt: „Es ist schwer zu wissen, wie weit verbreitet der Konsum von Smart Drugs tatsächlich ist, da nicht mal verlässliche Statistiken erhoben werden. Fest steht aber: Dieser Markt ist vollkommen unreguliert — mit oft fatalen Folgen.“

Wenn das Thema in China anerkannt wird, geht es meist nicht darum, wie man den Verbrauch senken kann, sondern wie man den Verbrauch besser kontrollieren, die Qualität der Drogen steigern und negative Nebeneffekte vermeiden kann. Es gibt erste erfolgreiche Drogenpräventionsprogramme in China, die aber noch zu vereinzelt sind, um eine signifikante Wirkung zu entfalten. Es sieht leider so aus, als ob noch viele junge Chinesen dem falschen Versprechen der Smart Drugs auf den Leim gehen werden. Solange in China weiterhin Leitungsdruck in Kombination mit Deregulierung die Norm sind, wird dieser Markt weiterhin traurige Blüten treiben — auf Kosten der jungen Generation.

 


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Foto (Blog): ken19991210 / pixabay (CC0)

 

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