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28.11.2016

Wenn im Seminar immer nur dieselben zu Wort kommen, du dich selbst zurücknimmst, vielleicht gar nicht mehr hingehst – dann liegt das womöglich an Machtunterschieden im Seminar. Lisa Mangold zeigt in Workshops, was du dagegen unternehmen kannst.

Text und Interview von Gustav Beyer

„Na, kriegste mal wieder den Mund nicht auf im Seminar?“ Das klingt ganz schön vorwurfsvoll – und manchmal fragt man sich tatsächlich (hinterher), warum man nicht einfach etwas beigetragen hat. Doch da sind diese zwei, drei Jungs, die schon ein paar Semester länger studieren und Worte auspacken, die du noch nie gehört hast. Die dir eh wieder ins Wort fallen und dich an die Wand argumentieren würden. Dann lieber nichts sagen?

Lisa Mangold, Feministin, hat solche Gedanken auch schon gehabt. Sie hat geforscht, was dahintersteckt – und sieht Geschlechterrollen als eine Ursache für Machtunterschiede in Seminaren. Die führen dazu, dass sich Leute zurückziehen, ausgegrenzt und unwissend vorkommen, und im schlimmsten Fall den großen Rednern im Seminar den Weg räumen. In Workshops zeigt Lisa, was Benachteiligte tun können.

Gustav: Machtdifferenzen sorgen für Stress – wie bist du darauf gekommen?

Lisa: Als ich Philosophie in Berlin studiert habe, habe ich eine Beobachtung gemacht: In unseren Seminaren zu den unterschiedlichsten Themen meldeten sich meistens dieselben. Meistens drei oder vier Cis-Männer, also Männer, die in einem männlichen Körper stecken und sich auch als männlich wahrnehmen. Das war am Anfang noch okay, aber ich habe schon bald aufgehört, mich zu melden. Später habe ich gemerkt: Das war gar nicht nur mein Problem, sondern viele haben sich mehr und mehr zurückgehalten.

Wie ist aus deinem Gefühl vom Anfang eine wissenschaftliche Erhebung geworden?

Als ich gemerkt habe, dass ich mich immer unwohler in Seminaren fühle, habe ich mit Kommiliton*innen gesprochen und festgestellt, dass sich unsere Erfahrungen in Seminaren ähneln. Viele weibliche, trans* und inter*Studierende beschrieben das Gefühl, irgendwie fehl am Platz zu sein. Sicherlich kennen auch einige Cis-Männer dieses Gefühl, aber dennoch erschien es mir eine geschlechtliche Ebene bei dem Thema zu geben. Die wollte ich mir gerne genauer anschauen.

Ich habe mit verschiedenen Studierenden der Philosophie Gruppeninterviews geführt und diese anschließend ausgewertet. Bei den Gruppengesprächen durften alle Studierenden mitmachen, bis auf Cis-Männer.  Die Ergebnisse der Studie wurden dann am Philosophieinstitut mit allen interessierten diskutiert und gemeinsam über Veränderungsideen gesprochen.

Welche Schlüsse ziehst du also aus der Studie?

Es gibt ja verschiedene Annahmen, die sich aus den Ergebnissen ableiten lassen. Allgemein äußerten viele Studierende, davon eingeschüchtert zu sein, wenn die Gespräche in den Seminaren stets zwischen denselben „Experten“ stattfinden. Oft ginge es eher darum, zu zeigen, was sie alles Tolles wissen, anstatt mit der Gruppe am Text zu arbeiten. Namedropping heißt das im Fachjargon, es geht mehr um Performance als um Inhalt.

Die Atmosphäre in Seminaren wird also oft als ein Profilieren beschrieben. Und die Studierenden hatten den Eindruck, dass manche Studierende eben „dazu gehören“ und andere im Studium eher draußen stehen. Davon ausgehend ist ein Schluss, dass es an der Universität Räume geben muss, in denen sich Studierende angstfrei und ohne Leistungsdruck austauschen können. Und sie in dem Gefühl gestärkt werden, dass sich andere für ihre Arbeit interessieren und sie etwas zu Lehrveranstaltungen beitragen können. Diese Räume können zum Beispiel hergestellt werden, in dem die Dozierenden nicht nur frontal unterrichten, sondern zum Beispiel Kleingruppenarbeiten ermöglichen. Aber auch selbstorganisierte Lerngruppen oder Lesekreise können so ein Raum sein.

Die Studie gibt Grund zur Annahme, dass männliche Studierende teilweise bevorzugt werden. Andere Studien erklären dies über die Wirkung von geschlechtsspezifischen Vorurteilen. Wenn eine Dozierende zum Beispiel das unterbewusste Vorurteil hat, dass Männer rationaler sind und schneller im Denken und Frauen eher emotional als analytisch sind – hat dies Einfluss darauf, wie sie männlichen bzw. weiblichen Studierenden begegnet und diese bewertet. Dozierende haben in der Regel wenig Zeit Studierende kennenzulernen und fällen schnell Bewertungen – da „helfen“ leider solche Vorurteile.

Betrifft das alle Bereiche des Studiums?

Das betrifft besonders Seminare, weil dort am meisten interagiert wird. In Vorlesungen kommt es ja selten zu Gesprächen, in denen Einzelne großartig dominieren könnten. Hier findet Diskriminierung eher inhaltlich statt: Dass etwa viele Texte ausschließlich von weißen und männlichen Autoren stammen. Gleichzeitig soll aber nicht die Konsequenz lauten, dass Seminare ungeeignet wären! Man muss nur schauen, wie man sich dort in der Gruppe verhalten möchte.

Inwieweit wirken sich deiner Einschätzung nach Machtdifferenzen auf Stress und Studienleistung aus?

Für gute Leistungen im Studium ist eine gewisse Motivation eine Grundvoraussetzung. Motivation wird aber zunichte gemacht, wenn man sich ausgeschlossen fühlt – einerseits inhaltlich nicht mitkommt, andererseits auch von seinen Mitstudierenden unterdrückt wird. Der Anspruch, mitreden zu wollen, aber nicht zu können, ist mit dieser Demotivation und schließlich auch mit Stress verbinden. Oftmals führt das dann zu einer Resignation. Irgendwann will man sich auch nicht mehr integrieren oder integriert werden.

Du sagst, du schließt Cis-Männer bei der Arbeit an eurer Studie, aber auch in den Workshops, die du zu Machtverhältnissen in Seminaren anbietest, aus. Männliche Studenten an der Universität Leipzig haben sich bei der Studierendenvertretung beschwert. Der Tenor: „Wir werden ja auch diskriminiert! Ihr könnt doch Diskriminierung nicht mit Diskriminierung bekämpfen!“ Was antwortest du ihnen?

Erstmal kann ich gern erklären: Der Austausch in einer Gruppe ohne Cis-Männer war und ist relevant als Schutzraum und als Empowerment, also zur Stärkung für Betroffene. Gemeinsam sollen dort Probleme überhaupt thematisiert werden – wie gesagt: ohne dasselbe Ausgangsproblem von dominierenden Einzelrednern zu haben. Erstaunlicherweise haben sich gerade diejenigen ausgegrenzt gefühlt und beschwert, die höchstwahrscheinlich ohnehin nicht zu unserer Veranstaltung gekommen wären. Cis-Männer sind aber nicht ausgeschlossen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und die Ansprüche, die wir an eine funktionierende Seminargruppe stellen, zu respektieren.

Deine Studie zeigt auch: Bachelorstudierende erleben Schwierigkeiten und Unsicherheit oft in Bezug auf ihre eigenen Fähigkeiten und ihre Persönlichkeit, während Masterstudierende eher universitäre Strukturen ansprechen. Woher kommt dieser Unterschied?

Was alle Befragten eint: Sie erleben Unsicherheit. Zu Beginn eines Studiums fühlen sich viele aber noch isoliert, wollen sich vielleicht auch den Umständen anpassen. Sie suchen die Gründe für ihr Unwohlsein bei sich. Später, zum Beispiel im Masterstudium, haben Studierende schon mehr Erfahrung, haben sich mit anderen ausgetauscht, erkennen sich wiederholende Dynamiken – und sind zunehmend offen für die Hintergründe von Machtunterschieden an Hochschulen.

Nehmen wir mal an, mir fällt auf, dass ich nicht zu Wort komme und ein Seminar von männlichen Studenten dominiert wird. Was kann ich als Benachteiligte tun?

Wer sich benachteiligt fühlt, sollte sich mit anderen zusammenschließen, denen es ähnlich geht. Das macht mutig. Gemeinsam lassen sich strukturelle Probleme besser ansprechen. Das Ziel sollte sein, Lehre zu verändern. Von den Lehrenden Vielfalt einzufordern: Inhalte und Ziele sollten transparent und diskutabel sein! Warum zum Beispiel lesen wir in Seminaren nur Texte von weißen, männlichen Autoren? Wem das auffällt, sollte vernünftige Gegenvorschläge machen – oder zumindest fragen dürfen, warum das so ist. Lehrende, die sich unfair verhalten, kann und muss man mit ihren eigenen Waffen schlagen: Liefert konkrete Vorschläge, wie ihr konstruktiv lernen wollt, und tretet selbst als Expert*innen auf. Das erfordert Zeit und Mut, aber ihr erreicht euer Ziel. Auch die „Verursacher“ brauchen ab und an den Hinweis, dass ihr Verhalten bei euch negativ ankommt und ihr euch eingeschränkt fühlt. Wer dominiert, diskriminiert!

Nehmen wir mal an, ich stehe zum Beispiel als privilegierter weißer Cis-Mann im Fokus der Kritik, „diskriminiere“ aber nicht mit Absicht. Was kann ich tun?

Ich denke, wer darauf angesprochen wird, weil er zum Beispiel zu dominant im Seminar auftritt oder bei anderen negativ auffällt, sollte ruhig erstmal zuhören. Viel zu oft findet Diskriminierung statt, aber nicht absichtlich oder sogar unbewusst. Welche Position habe ich, welche Rolle spiele ich in diesem Seminar? Welche Privilegien habe ich möglicherweise gegenüber anderen? Wie oft werde ich im Vergleich zu anderen im Seminar drangenommen, wie oft übernehme ich das Wort? Das Tolle ist: Wenn ich tatsächlich merke, zu sehr zu dominieren, habe ich die Chance, mich zurückzunehmen. Das Gesetz des Stärkeren sollte nicht gelten in Seminaren. Wer sich darauf beruft, der diskriminiert bewusst.

 

Lisa MangoldLisa Mangold (28) bietet Workshops an Universitäten zum Umgang mit Machtverhältnissen in Seminaren an. Sie engagiert sich in feministischen und linken Organisationen. (Foto: privat)

 

 


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Foto (Blog): stevepb / pixabay (CC0)

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