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28.09.2016

Die Deadline für die Hausarbeit rückt immer näher, doch ständig laden Facebook, WhatsApp und Co. dazu ein, sich abzulenken. Warum prokrastinieren Studierende so gerne mit Social Media und wie können sich chronische Aufschieber selbst helfen? Ein Experte gibt Antworten und praktische Tipps.

von Leonard Kehnscherper

Jessi ist 23 Jahre alt und studiert Anglistik an einer großen Berliner Universität. Pro Semester muss sie zwischen zwei und drei Hausarbeiten schreiben. Dafür hat sie in der vorlesungsfreien Zeit auch genug Zeit – circa zwei Monate pro Semester. Aber sobald Jessi in der Bibliothek sitzt, die Bücher vor sich und den Laptop aufgeklappt, kommt sie mit ihrer Hausarbeit nicht mehr voran.

Wie ferngesteuert greift sie zu ihrem Smartphone. Dort warten soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter und die Foto-Plattform Instagram. Neue WhatsApp-Nachrichten hat Jessi auch schon wieder bekommen. Die müssen natürlich dringend (!) beantwortet werden. Recherchiert sie dann wirklich für ihr Hausarbeitsthema, verliert sich Jessi auf Wikipedia oder landet – wie durch Geisterhand – auf 9gag.com.

Doch die Uhr tickt: Am Ende der Semesterferien muss Jessi die Hausarbeiten abgeben und eigentlich würde sie ihre freie Zeit gerne noch ein bisschen genießen – anstatt gestresst in der Bibliothek zu sitzen.

Sind Studis heute stärker abgelenkt als früher?

So wie Jessi geht es tausenden Studis, die beim Hausarbeiten-Schreiben zwar grundsätzlich motiviert, aber ständig abgelenkt sind. Prof. Dr. Leonard Reinecke von der Universität Mainz forscht zu Online-Medien und wie diese das Verhalten junger Menschen beeinflussen. Dass Studierende prokrastinieren, ist laut Reinecke nicht erst seit dem Aufkommen des Internets der Fall: „Studierende waren vor Facebook und Co. wahre ‚Weltmeister‘ im Aufschieben“, sagt Reinecke. Das liege schlichtweg daran, dass Studierende sich ihre Zeit freier einteilen und unliebsame Pflichten länger hinauszögern können.

„Dieses Problem hat sich durch soziale Medien und die schnelle Verbreitung von Smartphones noch einmal verschärft“, sagt Reinecke. Denn mit modernen Medien können Studis die anstrengende Hausarbeit durch eine angenehme Alternativ-Tätigkeit unterbrechen – zum Beispiel mit einem witzigen YouTube-Video. „Mit dem Smartphone haben wir das ‚Werkzeug‘ zum Prokrastinieren ständig in der Hosentasche, auch in vormals eher medienfreien Zonen wie der Uni-Bib“, erklärt Reinecke, „Facebook, Whatsapp und Snapchat sind nur eine Armlänge entfernt.“

Social Media erfüllen psychologische Bedürfnisse

Aber was macht Social Media überhaupt so spannend? Laut Reinecke erfüllen sie zentrale psychologische Bedürfnisse. Soziale Netzwerke ermöglichen den ständigen Kontakt zu Freunden und Bekannten und geben ein Gefühl der Verbundenheit. Ebenso bieten sie eine Bühne zur Selbstdarstellung und können Nutzern das Gefühl vermitteln, anerkannt zu werden.

Verständlich – wer freut sich nicht darüber, wenn sein Instagram-Bild ein Herz bekommt oder die Facebook-Chronik zum Geburtstag voll mit Glückwünschen ist? Außerdem sind alle wichtigen Medien und Persönlichkeiten in sozialen Netzwerken aktiv. Facebook und Twitter sind für viele deshalb zu einer wichtigen Nachrichten- und Unterhaltungsquelle geworden.

Kein Wunder also, dass sich Studis so gerne mit Social Media ablenken. Doch es gibt auch Extremfälle – nämlich dann, wenn Menschen soziale Medien nicht mehr zum Spaß nutzen, sondern aus Angst. „Wissenschaftler sprechen hier von der ‚fear of missing out‘, also der Angst etwas zu verpassen“, erklärt Reinecke. Hier verspüren Menschen den Druck, ständig online sein zu müssen. Der Druck kann auch vom sozialen Umfeld erzeugt werden. Etwa, wenn Familie und Freunde erwarten, dass man auf jede Whatsapp-Nachricht so schnell wie möglich reagiert.

Strategien gegen die Ablenkung

Aber was können Jessi und ihre vielen „Leidensgenossen“ tun, um weniger abgelenkt zu sein? Reinecke kennt da eine ganze Reihe an Strategien: Eine einfache, aber ebenso effektive Lösung sei der „kalte Entzug“. Das Ziel dabei ist es, sich Arbeitsumgebungen zu schaffen, in denen der Zugang zu neuen Medien ausgeschlossen ist. Sie könnte ihr Smartphone zum Beispiel ganz bewusst im Schließfach deponieren. Doch das ist leichter gesagt als getan – vor allem wenn die Abgabe-Deadline noch in weiter Ferne scheint.

Außerdem gibt es zahlreiche Apps und Programme fürs Smartphone und den PC, mit denen Jessi selbst einstellen kann, wie viel Zeit sie am Tag auf bestimmten Apps und Seiten verbringen darf. Eine weitere Strategie setzt auf Belohnung. So könnte sich Jessi nach jedem geschafften Etappenziel – etwa einer geschriebenen Seite – eine kurze Pause gönnen, in der sie ihre Social-Media-Accounts checkt.

Um sich selbst nicht dem Druck der ständigen Verfügbarkeit auszusetzen rät Reinecke zum gezielten Selbsttest. Jessi kann sich dann selbst Fragen stellen wie: Verpasse ich wirklich etwas wichtiges, wenn ich ein paar Stunden offline bin? Nehmen meine Freunde es mir wirklich übel, wenn ich erst etwas später auf ihre Nachrichten reagiere?

Studierenden, denen die kleinen Strategien nicht helfen, und die Arbeiten über Monate hinweg aufschieben, rät Reinecke dazu, sich professionell beraten zu lassen. Auch viele Unis bieten eine psychologische Beratung an.

Wann soziale Medien helfen können

Auch bei neuen Medien macht die „Dosis das Gift“. Denn soziale Medien müssen für Studierende nicht zwangsläufig ein Ort sein, in dem sie ihre Zeit verschwenden. So kann sich Jessi bei ihren Freunden Tipps für ihre Hausarbeit holen: „Welchen Zitier-Stil findet ihr am besten?“ oder „Was fällt euch als erstes zum Thema XY ein?“

Außerdem kann sie in der Facebook-Gruppe „Anglistik-Erstis Wintersemester 2014“ nochmal schnell nachfragen, welche Schriftart und -größe der Professor vorgegeben hat. Aber auch, wenn Jessi mal eine schlechte Klausur geschrieben hat, kann sie sich über Facebook und Co. von ihren Freunden Beistand holen – oder einfach mal Dampf ablassen. „Soziale Medien sind nicht nur praktische Kommunikations- und Recherche-Tools, sondern können auch dabei helfen, mit den Höhen und Tiefen des Uni-Alltags umzugehen“, hält Reinecke fest.


Leonard Reinecke

Leonard Reinecke ist Juniorprofessor für Publizistik mit dem Schwerpunkt Online-Kommunikation an der Gutenberg-Universität Mainz. Reinecke forscht vor allem zur Privatsphäre und Selbstoffenbarung im Social Web, sozialen Interaktionen in Social Media und der Wirkung von Computer- und Videospielen.

Foto: Richard Lemke


Foto (Blog): Leonard Kehnscherper

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